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26.01.2012

Der schmale Grat

 
Artur Żmijewski, „80064“ (Videostill), Copyright the artist/Galerie Peter Kilchmann, Zürich

Was ist Erinnerungsarbeit, was ist Provokation? Die Veranstaltungsreihe 360° diskutiert den Film „80064“ von Artur Żmijewski.


Der polnische Künstler Artur Żmijewski sorgt für Schlagzeilen. Er leitet die kommende Berlin Biennale 2012 und benannte Anfang Januar das viel diskutierte russische Künstlerkollektiv Voina als Co-Kuratorenteam. Ende letzten Jahres wurde zudem Żmijewskis Werk „Berek“ (auf dt. „Fangen“, 1999) aus einer Ausstellung in Berlin entfernt, die ursprünglich ein Beitrag zur deutsch-polnischen Verständigung sein sollte. Das Entfernen des Films wurde von den einen als Zensur, von den anderen als nötiger Schritt zur Wahrung der Würde von Holocaust-Opfern bezeichnet. In diesem Film spielt eine Gruppe Erwachsener nackt in der Gaskammer eines Konzentrationslagers Fangen. Der Martin-Gropius-Bau in Berlin zeigte den Film in der Ausstellung „Tür an Tür: Polen – Deutschland“, bis ein prominenter Vertreter der jüdischen Gemeinde bei den Verantwortlichen protestierte, und das Werk schließlich aus der Ausstellung entfernt wurde. Der Künstler und die zuständige Kuratorin Anda Rottenberg, ebenfalls polnischer Herkunft, wurden erst im Nachhinein informiert.

Drastisch und schonungslos

Artur Żmijewskis erreicht durch seine polarisierende Kunst eine Spaltung der Kritiker in klare Befürworter und heftige Gegner. In den Arbeiten des Künstlers geht es häufig um Ausgegrenzte und Minderheiten und deren Wahrnehmung in der Mehrheit der Gesellschaft. Dabei nutzt Żmijewski drastische und schonungslose Darstellungsweisen. Körperlich behinderte Menschen fotografiert er nackt, wie sie unter ihrer eingeschränkten Beweglichkeit leiden („Ein Auge für ein Auge“, 1998-2000). Gehörlose und Taubstumme führen Bachkantaten auf, die beim Zuhörer eine Art ästhetischen Schock hervorrufen („Deaf Bach“, 2002).

Darf man so mit Erinnerung umgehen?

Ein weiteres viel diskutiertes Werk des polnischen Künstlers wird nun in der Veranstaltungsreihe 360° der Studiengalerie 1.357 von allen Seiten beleuchtet. Der Film „80064“ zeigt den 92-jährigen Auschwitzüberlebenden Josef Tarnawa, der von Żmijewski zum Nachstechen seiner Lagernummer überredet wird. Der Zuschauer verfolgt 11 bedrückende Minuten lang, wie ein Tätowierer dem alten Mann die  Nummer auffrischt, die diesen an die vermutlich schlimmste Erfahrung seines Lebens erinnert. Es stellt sich die Frage: Darf man so mit Erinnerung umgehen? Żmijewski findet, dass sich unsere Erinnerung und unser Umgang mit diesem Teil der Vergangenheit heute in viel zu geordneten Bahnen bewegen. Er sucht neue Wege der Auseinandersetzung, die offensichtlich provozieren und heftige Emotionen wecken.

Geschmacklose Provokation oder Gedächtnisarbeit

Wo genau der schmale Grat zwischen geschmackloser Provokation und Gedächtnisarbeit verläuft, wird Gegenstand der Diskussionsrunde sein, die im Anschluss an die Filmvorführung von „80064“ durch die FAZ-Feuilletonredakteurin Swantje Karich moderiert wird. Zu Gast sind Raphael Gross, Leiter des Fritz Bauer Instituts und Direktor des Jüdischen Museums in Frankfurt am Main, Liliane Weissberg, Professorin für Ästhetische Theorie an der University of Pennsylvania, sowie Anda Rottenberg, freie Kuratorin in Warschau. Der geschichtsträchtige Veranstaltungsort, die Eisenhower Rotunde der Universität Frankfurt im I.G.-Farben-Haus, bietet die entsprechende Umgebung für eine Diskussion mit solch weitreichenden Fragestellungen.

Text: Fabian Famulok

Veranstaltung:

360° Art & Memory – What’s At Stake?
Artur Żmijewski, „80064″
26. Januar 2012, Beginn 20 Uhr, Einlass 19:30 Uhr
Diskussionsrunde mit Raphael Gross, Liliane Weissberg und Anda Rottenberg
Moderation Swantje Karich
Eisenhower Rotunde, I.G.-Farben-Haus, Campus Westend, Grüneburgplatz 1, 60323 Frankfurt
Eintritt ist frei

studiengalerie1357.wordpress.com
facebook.com/events/360° Art & Memory

Bildergalerie, zur Vergrößerung bitte klicken

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